Vinylaktiten/Vinylagmiten

 

Die Klang-Installation “Vinylaktiten/Vinylagmiten” ist 2013 als Diplomprojekt an der Kunsthochschule für Medien Köln entstanden. Aus der simplen Intention “…eine skulpturale Arbeit aus Vinylschallplatten zu erstellen…” entwickelte sich sowohl auf philosophisch-konzeptioneller, als auch technologischer Ebene ein Projekt mit einer eigenen Ästhetik.

 

Je nach räumlichen Möglichkeiten und nach Kontext der Ausstellungssituation kann das Projekt als Klanginstallation gezeigt, als performativer Arbeitsprozess oder als Audio-Performance “technofaktur: manueller Antrieb” vorgeführt werden. Das Projekt wurde in der Gesamtheit auch als künstlerisch-forschendes Projekt präsentiert.

 

Die Simultaneität einer Chronologie – Das Paradox

Die ursprünglichste Fragestellung (neben der Absicht Vinyl-Skulpturen zu realisieren) entwickelte sich aus einem Medien-Archäologischen Diskurs. Ein eigenartiges Paradox beschäftigt mich schon seit mehreren Jahren und seit mehreren Arbeiten – vor allem in der künstlerischen Arbeit mit Scannern (2D/3D).

Dieses Paradox ist nicht nur dem Scan-Prozess immanent, sondern liegt jeder Aufzeichnung zugrunde, die “Irgendetwas” über einen zeitlichen Verlauf aufzeichnet und abbildet: Denn diese Abbildung zeigt alle unterschiedlichen Zeitpunkte gleichzeitig. Das zeitliche Nacheinander wird zu einem räumlichen Nebeneinander und somit funktioniert es nach bildlichen Wahrnehmungsprinzipien. Ein Bild zeigt sich uns jetzt und es zeigt sich ganz. Zeigt es einen zeitlichen Verlauf, so zeigt es auch diesen gleichzeitig. Diese gleichzeitige Abbildung von heterogenen Zeitmomenten ist das, was ich die “Simultaneität einer Chronologie” nenne.

Dieses Prinzip sehe ich in einer Zeichnung; in einem Scan; in einem diagrammatischen Verlauf; allgemein im Wachsen, genauer im Wachstum von Tropfsteinen; allgemein in der Abbildung von Klangaufzeichnung – genauer in der Wellenform-Darstellung.

Die Simultaneität der Chronologie, also die gleichzeitige Abbildung unterschiedlicher Zeitmomente beruht auf einem Wechselspiel aus Kognition und Intuition. So beschreibt Henri Bergson das Wesen der Zeitwahrnehmung: Da wo man die wahre Dauer (duree) wahrnehmen kann, und sich diese intuitive Wahrnehmung mit der messbaren Zeit kreuzt entsteht so etwas, was uns die Wahrnehmung der Zeit wahrnehmen lässt… So weit als Einführung in die philosophischen Fragen an die Zeit!

 

Form

Wie oben angedeutet finde ich das Paradox sowohl in der Klangaufzeichnung als auch im Wachstumsprozess der Tropfsteine, der ebenso wie der 3D-Druck im lagigen Prinzip erfolgt. Somit lassen sich Tropfstein-Wachstum und Wellenform-Darstellung zusammenbringen: Zeitlogisch und Visuell.

“Am Anfang war das Wort. …” heißt es. Und die Begriffe, die sich in den philosophischen und medien-archäologischen Fragen immer wiederholten, hielt ich fest: Ich sprach sie aus und zeichnete sie auf.

 

Ihre Wellenform-Darstellungen, die die Lautstärke über eine zeitliche Dauer abbilden, wurden nun zu konkreten Gestaltungs-Linien. So verwendete ich Hüllkurven in einem 3D-Programm um daraus Volumenkörper errechnen zu lassen.

Dazu drehte ich die Zeitachse der Wellenform von ihrer horizontalen Ausrichtung in eine vertikale Richtung. Die Hüllkurven von 6 Begriffen wurden zusammen gesteckt und daraus ergibt sich ein Körper mit einer Tropfstein-ähnlichen Form.

Die Linien die zuvor Koordinaten der Zeitachse (t) waren, wurden nun (x/y/z) Koordinaten im Raum. Meine zeitlogische Vermutung ließ sich visuell beweisen!

Begriffe in Vinylaktit I

Nadelkurven / Verdinglichung / Reproduktion / Aufzeichnung / Erinnerung / Gedächtnis

Vinylagmit I

Illusion / Nostalgie / Unvollständigkeit / Vergegenwärtigung / Wiederholung / Zeitmanipulation

Vinylaktit II

Abbild / Chronologie / Wahrnehmung  / Monotonie / Zwischenspeicher / Gleichzeitigkeit

 

 

Diese Formen wurden nach ihrem virtuellen Wachsen in horizontale Schnitt-Ebenen zerlegt (slicing). Diese Querschnittflächen liefern die Vektoren bzw. die XY-Koordinaten für eine Fräse – die technofaktur.

Stalaktiten wachsen von oben nach unten, Stalagmiten in umgkehrte Richtung. Normalerweise brauchenen Tropfsteine mehrere Tausend Jahre um zu wachsen. In Vinylaktiten/Vinylagmiten hingegen wird diese Dauer konzeptionell radikal verkürzt: Im Prinzip dauert ihre Ausdehnung nur so lange, wie die Aussprache der Begriffe andauert: wenige Sekunden! Dies entspricht ungefähr der Dauer, die wir benötigen um ein Objekt visuell zu erfassen. Allerdings nimmt die klangliche Erfassung des Vinylagmits die Dauer aller Schichten in ihrer Chronologischen Abfolge ein.

Das Wachsen eines Vinylagmiten im Zeitraffer.

 

 

Sound

Vinylschallplatten sind Speicher-Medien. Sie speichern Klanginformationen – in diesem konkreten Fall Technomusik eines Kölner Labels. Jede Schicht der Vinylaktiten/Vinylagmiten beherbergt also unterschiedliche Melodien, Rhythmen, Vocals, mit unterschiedlichen Dauern, von unterschiedlichen Künstlern, aus unterschiedlichen Veröffentlichungsjahren.

 

Nachdem die Vinylplatten in Formen geschnitten werden, sind diese nicht mehr gewöhnlich abspielbar.

Doch während des Fräsvorgangs, werden die Platten abgetastet und zwar entlang der Fräskontur. Die Klanginformationen werden damit in eine neue Ordnung gebracht, die sich nicht an kompositorischen Kriterien orientiert, sondern an der skulpturalen Form der Tropfsteine. Die ursprüngliche Abfolge bzw. die festgelegete Chronologie der Tracks werden physisch und klanglich unterbrochen und in neuen Strukturen archiviert.

So entsteht zu jeder Schicht eine eigene, neue Tonspur und insgesamt ein riesiges Klangarchiv. Gleichzeitig wird durch die Gesamtdauer der neuen Tonspuren, die Dauer des Objekts erfahrbar: um z.B. Vinylaktit I komplett zu hören, braucht man 10:41:41 Std.

Die folgende Grafik erklärt einige der Klänge, warum und wie sie sich ereignen:

 

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